Bischof Merkel berichtete über Brasilien
Kirche am Amazonas ist oft ein Abenteuer


Bischof Meinrad Merkel (li) mit seinem
Bruder, Pater Norbert Merkel CSSp (re).
Kirche und Abenteuer - in Europa geht dies nicht auf den ersten Blick zusammen. Wie spannend kirchliche Arbeit jedoch in Brasilien sein kann, erfuhren die Zuhörer eines Vortrages im Libermannhaus. Vor fast zwei Jahren wurde der Spriritaner Meinrad Franz Josef Merkel in Brasilien zum Bischof geweiht, am Wochenende besuchte er das Kloster Knechtsteden und berichtete von seiner Arbeit in der Diözese Humaita am Fluss Madeira mitten im Urwaldgebiet. 1944 im badischen Frankenland geboren, war Meinrad Franz Josef Merkel 1971 in Knechtsteden zum Priester geweiht worden und flog noch im selben Jahr zur Missionsarbeit nach Brasilien. Das Gebiet, das Bischof Merkel betreut, ist etwa 110.000 Quadratkilometer groß, hat also ungefähr die Fläche von Bayern und Baden Württemberg zusammen. Die Diözese liegt im Amazonasgebiet und ist sehr dünn besiedelt. Elmar Frank, ein Freund Merkels aus dem Odenwald, begleitete den Bischof im vergangenen Jahr auf einer Firmreise quer durch den Urwald. Per Schiff und mit dem Geländewagen über die längste Straße der Welt, die 5.000 Kilometer lange Transamazonika, war die Reise gleichermaßen abenteuerlich.

Fotos zeugen von den Besuchen in verschiedenen Dörfern entlang des Flusses und von der Lebensweise der Menschen. Improvisationstalent ist dort gefragt, wo das Reisen in der Regenzeit fast unmöglich ist. In der Werkstatt Ottavio Bonamigos beispielsweise wird nichts weggeworfen. Hier gibt es Treibriemen aus alten Autoreifen und ein vorzeitlich anmutendes gasbetriebenes Fahrzeug, das jedoch zuverlässiger ist als europäische Benzinkutschen. Die Kirche hat in Brasilien noch immer eine große Bedeutung, obwohl die Verstädterung der Bevölkerung auch hier Änderungen gebracht hat.

"Die Basisgemeinden waren vor allem auf dem Land", erklärt Bischof Merkel. Etwa 63 Prozent der Bevölkerung sind heute noch katholisch, rund 20 Prozent gehört anderen kirchlichen Gemeinschaften an. Letztere haben jedoch einen wesentlichen stärkeren Zuwachs als die katholische Kirche. Die Kirche unterhält jedoch vier Fernsehkanäle und rund 150 lokale Radiosender. "Ich finde es bemerkenswert, dass sich ein Land, das sonst kaum etwas hat, so etwas erlaubt. In Deutschland wäre das nur sehr schwer möglich", erklärte der Bischof.

Auch der Episkopat in Brasilien ist einer der größten der Welt: Allein 207 Diözesanbischöfe gibt es, auf den Ebenen darunter haben sich in den vergangenen zehn Jahren auch Priester, Diakone und Laien stärker organisiert. "Ich halte das für ein gutes Zeichen", so Merkel. Die jüngsten Bischöfe sind erst 42 Jahre alt, und auch Merkel bekennt, ins kalte Wasser geworfen worden zu sein: "Ich habe mein Amt am Tag der Weihe übernommen."

In Europa wäre dazu wesentlich mehr Erfahrung nötig. Zunächst habe er deshalb auch nicht genau gewusst, wo er eigentlich mit seiner Arbeit anfangen sollte. Mindestens acht Tage im Monat ist Bischof Merkel in der Diözese unterwegs und besucht die Menschen vor Ort. "Wir stehen im Dienst des Volkes Gottes", ist er überzeugt und handelt danach.

Silvia Fehse

Quelle: Neuss-Grevenbroicher-Zeitung, 4.8.2002 - NGZ-Online
 
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