1.4.2002
Die Neuss-Grevenbroich-Zeitung vom 30. März 2002 stellte Bruder Gereon in seiner Schuhmacherei im Kloster Knechtsteden vor.



Bruder Gereon betreibt seit 50 Jahren Schuhmacherei

Ledersohlen Stich für Stich angenäht

Die Zeiten, in denen sich die Spiritaner in Knechtsteden weitgehend selbst versorgten, sind lange vorbei. Bäckerei, Metzgerei und die meisten übrigen Handwerksbetriebe gibt es nicht mehr. Die Brüder aus dem Schlossereibetrieb und der Elektriker sind vor Jahren bereits verstorben. Die Schuhmacherei ist der einzige Betrieb, der noch heute vom Kloster selbst betrieben wird. Seit 50 Jahren arbeitet Bruder Gereon dort zwischen Leisten, Sohlen und altertümlichen Maschinen. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Eine einzige elektrische Maschine steht in seiner Werkstatt, alle übrigen funktionieren noch mit reiner Muskelkraft. Eigentlich wollte der 65-Jährige Koch werden. Als kleiner Junge träumte er davon, in der Küche zu stehen und den Kochlöffel zu schwingen, doch seine Gesundheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Von Geburt an plagt ihn ein Fußleiden, lange stehen kann er bis heute nicht. "Als Kind konnte ich kaum laufen, bis ich dann 1948 operiert wurde" erinnert sich Bruder Gereon. Seither trägt er orthopädische Spezialschuhe.

Wahrscheinlich rühre daher sein Interesse an Leisten und Leder, vermutet er. In dem kleinen Dorf im Westerwald, in dem er aufgewachsen ist, gab es einen alten Schuhmacher, dem er gerne bei der Arbeit über die Schulter schaute, erinnert er sich: "Als Kind ist man ja neugierig, wie so etwas funktioniert." Seine Mutter war es schließlich, die ihn nach dem Schulabschluss zu Bruder Josef in die Lehre schickte. 1956 legte der junge Ordensbruder seine Gesellenprüfung an der Berufsschule Neuss ab, seitdem lebt und arbeitet er in Knechtsteden.

Bis in die 70er Jahre hinein war die Werkstatt mit Meister und zwei Gesellen allein mit der Anfertigung von Maßschuhen für ihre Mitbrüder und die Patres voll ausgelastet. Um die hundert Mitglieder zählten die Spiritaner in Knechtsteden zu dieser Zeit. "Viele davon brauchten orthopädisches Spezialschuhwerk", erklärt Bruder Gereon. Die altertümlichen Werkzeuge und Maschinen erinnern noch an diese Zeiten. Eine ganze Batterie von unterschiedlichen Eisen mit Holzgriff hängt an der Wand, deren Verwendungszweck der Laie nur ahnen kann. "Hiermit wird die Brandsohle gekerbt", erklärt der Schuster und hält ein spitzes Eisen in der Hand, "und das ist ein Brenneisen für die Sohlenkanten".

Am liebsten sitzt Bruder Gereon jedoch noch heute an der alten Nähmaschine, einem schwarzen Ungetüm aus Großmutters Zeiten. "Früher wurden die Schuhe noch komplett genäht", erinnert sich der Schuster. Auch die Ledersohlen mussten von Hand Stich für Stich mit dickem Garn angenäht werden. "Am Fadenende wurde dazu eine Schweineborste befestigt", erklärt der Fachmann. Die glatte Borste erleichterte das Fädeln durch die vorgestanzten Löcher. Von geklebten Kunststoffsohlen hält Bruder Gereon nichts. "Wenn die Schuhfabrikanten ihre Schuhe auch reparieren müssten, dann würden sie sie anders herstellen", schimpft er.

Auch wenn ihm ein wenig Modernität die Arbeit erleichtern würde, fühlt er sich zwischen den alten Schätzchen am wohlsten. Hydraulische Andruckvorrichtungen beispielsweise hat er zwar in anderen Werkstätten schon einmal gesehen, bei ihm funktionieren die Pressen jedoch nach wie vor nach dem Schraubstockprinzip und mit Muskelkraft. Erneuert wird in der Schusterei nichts mehr, denn Bruder Gereon ist der letzte Schuster im Kloster. Früher habe es bisweilen Lehrlinge gegeben, nach der Ausbildung zogen die meisten jedoch das weltliche Leben vor, so der Ordensbruder.

Angst hat er ein wenig davor, dass eine der Maschinen irgendwann kaputt geht: "So etwas kann heute niemand mehr reparieren. Unser Schlosser würde das wieder hinkriegen, wenn er noch lebte ....." Die Arbeit ist weniger geworden, inzwischen findet Bruder Gereon auch Zeit für Mußestunden. Heute leben nur noch 27 Ordensmitglieder in Knechtsteden, die meisten Werkstätten sind aufgegeben, nur wenige verpachtet. Bruder Gereon hält den einzigen Handwerksbetrieb in klostereigener Regie aufrecht. Heute repariert er allerdings nur noch kaputte Schuhe und nimmt auch Aufträge von außerhalb an. An Ruhestand denkt er noch lange nicht: "Was soll ich denn sonst den ganzen Tag lang machen?"

Silvia Fehse

Artikel in der NGZ-Online

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